Montag, 30. Mai 2016

[Rezension] Schrei (Eric Berg)


Cover: arsedition/ bloomoon
♥ Titel: Schrei (Einzelband)
♥ Autor: Eric Berg (aka Eric Walz)
♥ Verlag: bloomoon
♥ Preis: 12,99€ (KB)
♥ Erscheinungsjahr: 2015
♥ Seiten: 160
♥ Genres: Jugendbuch, Thriller

Ist es ein gutes Zeichen, wenn man auf jeder Seite, die man liest, mindestens fünfmal die Augen verdrehen muss? Wenn man seinem Freund zwischendurch Zitate aus dem Buch mit Fotobeweis schickt, damit er auch was zu lachen hat? So ging es mir nämlich, als ich mir diesen "Thriller" zugemütegeführt habe. Ich weiß wirklich nicht, aus welcher ver- staubten Kiste Eric Berg seine Redewen- dungen ausgegraben hat, aber ich hoffe doch stark, dass er sie für den nächsten Roman wieder auf dem Dachboden verscharrt.





♥ Cover & Aufmachung ♥

Die Aufmachung des dünnen Büchleins ist so ziemlich der einzige Pluspunkt des gesamten Buches. Durch die Klappenbroschur wirkt das Buch sehr edel, das Cover ist einfach atemberaubend und die Prägungen des Titels und des Blutes, das daran herunterläuft, sind wirklich toll umgesetzt. Meine Aufmerksamkeit hatte das Buch schon nach einem kurzen Blick darauf. Wäre der Inhalt doch nur ähnlich gut gewesen...


♥ Inhalt ♥

Es sind schwüle Tage im August, als Lulu ins Internat am See zurückkehrt. Aber ihr graut vor dem bevorstehenden Schuljahr. Nicht nur, dass ihre beste Freundin plötzlich wie besessen Todesszenen zeichnet und Lulu fies gemobbt wird. Ausgerechnet Niko geht ihr nicht mehr aus dem Kopf, obwohl sie doch eigentlich glücklich mit Lars zusammen ist. Lulu muss sich endlich entscheiden, wen sie wirklich liebt, bevor es zu spät ist…(Quelle: arsedition)


♥ Umsetzung ♥

Was zunächst nach einem spannenden und packenden Thriller klingt, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, entpuppte sich für mich leider schon nach wenigen Seiten als eine absolute Mogelpackung. Die Story arbeitet auf ein "schreckliches Ereignis" hin, von dem neben der Protagonistin Lulu auch die verschiedenen Internatsschüler berichten. Dabei erfährt man Stück für Stück, was an der Schule passiert ist. Das ist aber leider auch schon der spannendste Teil des Buches - dass man gerne wissen möchte, was passiert ist. Das war so ziemlich das Einzige, das mich am Lesen gehalten hat. Ansonsten passiert nämlich... nichts. Gar nichts. Lulu läuft durch das Internat, geht leicht bekleidet im See schwimmen oder zerbricht sich den Kopf darüber, welchen Jungen sie mehr liebt. Weil sie einfach in beide so unsterblich verliebt ist. Natürlich. Ab und zu wird sie dann mal im Waschkeller eingesperrt, findet Blut in ihrem Zimmer oder hört Schreie. Und es gibt wenig klimatische Plottwists wie Schwangerschaften und so weiter. Alles ist einfach so langweilig und wenig angsteinflößend erzählt, dass der "Thriller" selbst für ein Jugendbuch eher einer Gute-Nach-Geschichte gleicht. Schnarch. Es passiert einfach nichts und wenn sich doch mal etwas anbahnt, wird die Spannung direkt wieder herausgenommen, indem Lulu stattdessen wieder über ihre beiden ach so tollen Lover nachdenkt. Wenn man bedroht wird, ist es aber natürlich viel wichtiger, mit welchem Typen man lieber zusammensein möchte. Schon verständlich.

Ein paar Stellen im Buch waren auch wirklich seltsam. Lulu schläft zB ganz alleine im Wald ein und läuft auch sonst ständig einsam an einsamen Orten umher, was ich ja nicht empfehlen würde, wenn man einen Stalker hat, gemobbt wird und Blut in seinem Zimmer findet. Noch komischer ist allerdings die Szene, in der Niko ein Lied für Lulu singt und beschrieben wird, dass er Gitarre spielt und Lulu gleichzeitig ihren Kopf auf seinem Schoß gebettet hat. Hä? Da frage ich mich echt: Wie soll das gehen?!  Liegt ihr Kopf dann etwa zwischen der Gitarre und seinem Bauch eingeklemmt? Sehr komfortabel und romantisch.

Einige Pluspunkte gibt es aber dann doch für den Showdown am Ende. Hier passiert endlich - ENDLICH! - mal etwas und wir erfahren, was so schreckliches am Lombardi-Internat passiert ist. Sogar einen Plottwist hat Eric Berg eingebaut, den ich überhaupt nicht erwartet hatte, da er die bisher nur so vor sich hinplätschernde Handlung des Buches in seiner Komplexität doch um so einiges übersteigt und die Geschichte einmal um 180° wendet. So etwas hätte ich mir viel früher gewünscht, denn das Ende ist so eigentlich ziemlich gut konstruiert und vor allem auch endlich mal spannend. Leider können diese letzten 30 Seiten die vorangegangenen 130 aber nicht revidieren.


♥ Charaktere ♥

Die Figuren in Schrei sind allesamt unsympathisch und haben die Authentizität einer blau glitzernden Beinprothese aus Weingummi. Weder habe ich ihnen ihre Beweggründe abgenommen, noch konnte ich diese auch nur im geringsten nachvollziehen. Wenn man die Protagonistin nicht leiden kann, ist das schon mal eine denkbar schlechte Ausgangslage, um ein Buch auch wirklich genießen zu können. Wenn man dann noch nicht einmal einen einzigen Nebencharakter für annehmbar befinden kann, ist es aus.

Die Protagonistin Lulu hat eigentlich kaum eine Persönlichkeit. Weder Tiefe noch irgendwelche Charaktereigenschaften. Sie ist einfach hübsch, beliebt und sportlich und - ach ja! - sie betrügt ihren Freund mit seinem besten Kumpel. Toll. Sympathie: Fehlanzeige. Die meiste Zeit über war mir egal, was mit Lulu passiert und besonders ihre sich ewig im Kreis drehenden Gedanken um Lars und Niko haben mir regelmäßige Kopfschüttel-Momente beschert. Für einen 160-Seiten-Thriller war mir das eindeutig zu viel Liebesdrama - auch wenn es zur Story dazugehört.

Die Nebencharaktere sind alles, nur nicht nennenswert, einprägsam oder besonders. Am interessantesten zu verfolgen wäre da wohl noch die Geschichte um Lulus beste Freundin Jenny und den Außenseiter Simon, die ich allerdings trotz allem auch nicht leiden kann.


♥ Schreibstil ♥

Kommen wir nun zum schlimmsten Teil des Buches, nämlich dem Schreibstil und der Wortwahl des Autors. Ich weiß nämlich wirklich nicht, was er sich dabei gedacht hat, zwanghaft auf jede Seite mindestens 10, seiner Meinung nach wohl angebrachte, "Jugendwörter" einzubauen. Die Eltern sind plötzlich die "Alten", Lulu ein "Chick", Jenny erzählt einen "Joke" und Dorftrottel Lennart möchte einen "Fight" anzetteln. Alles klar. Ich als Jugendliche kenne wirklich niemanden, der ernsthaft so redet oder solche Wörter in einen Fließtext einbaut. Schon gar nicht, wenn man in ernsthafter Gefahr schwebt. Das gesamte Buch wirkt so gezwungen auf "Jugendsprache" und "cool" getrimmt, dass es wehtut und man gerne eine Augendusche zur Hand hätte. Ich habe bei so einigen Redewendungen wirklich die Augen verdrehen müssen und habe mir gleichzeitig gedacht: Das hat der jetzt nicht ernsthaft so geschrieben. Das Ganze wirkte einfach so lächerlich auf mich, dass es meinen Lesefluss erheblich gestört hat. Noch dazu kommt, dass ziemlich häufig auch veraltete Begriffe wie "Knabe" auftauchen, die vielleicht zu Zeiten meiner Großeltern als cool galten, aber sicherlich keine 17-jährige in den Mund nehmen würde. Ich habe hier mal ein paar Beispiele für euch:

  • "Große Schnulze und so." (Seite 21)
  • "Der Erbauer war so ein Biedermeier-Graf, achzehnhundertschießmichtot..." (Seite 22)
  • "Klingt ja erst mal toll - wo man die Schülerinnen allerdings windelweich prügelte, wenn sie nicht spurten." (Seite 22)
  • "War echt funny..." (Seite 29)
  • "...hab mir wegen der Verspätung seinen Rüffel eingefangen..." (Seite 31)
  • "Reden wir über Lulu, Madame Großmaul." (Seite 79)
  • "Früher oder später laufen solche Chicks doch immer voll gegen die Wand. Na, und bei Lulu war es halt ein bisschen früher. That's life." (Seite 81)
  • "Ich fand, der arme Knabe gehörte aufgeklärt..." (Seite 82)
  • "Hallo, Artus, rate mal, womit dein Weibchen sich die Zeit vertreibt und mit wem!" (Seite 82)

Und das sind nur einige Textauszüge, die ich mehr als unpassend umpfunden habe.


♥ Fazit ♥

Satz mit X, war wohl nix. XD Das Konzept hinter Schrei ist echt nicht schlecht, an der Umsetzung hapert es allerdings gewaltig. Das Buch ist nichts Halbes und nichts Ganzes, bietet kaum Spannung und eine mehr als fragwürdige Wortwahl. Eher ein Liebesdrama mit tragischem Ende als ein wirklicher Thriller. Ein paar Pluspunkte gibt es für die tolle Aufmachung, das Grundkonzept, die Kurzweiligkeit und das gute Ende, das nochmal ein bisschen was rausgerissen hat. Ansonsten bin ich sehr froh, das Buch nicht selbst gekauft sondern gewonnen zu haben. :'D Zum Einschlafen ganz gut, als Thriller weniger geeignet.


Bewertung: 1,5/5





1 Kommentar:

  1. Danke für diese Rezi!
    Das Cover hätte mich auch gereizt, aber du beschreibst ja ganz deutlich, was an diesem "Thriller" (schön, wie du es in Anführungszeichen gesetzt hast), falsch läuft. Dann lasse ich mal lieber die Finger davon. "Never judge a book by its cover" trifft wohl auch bei negativen Inhalten zu :)

    Liebe Grüße
    Jasmin von buch-leben

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