Freitag, 27. Mai 2016

[Manga Review] Gipfel der Götter ~ Gastrezension von Baphomehmet


Der alteingesessene Manga-Lesenachtler Baphomehmet hat sich bereiterklärt, eine Gastreview zu einem seiner im Rahmen der Lesenächte gelesenen Mangas beizusteuern. Er hat keinen eigenen Blog, aber man merkt, dass er sich sehr viel Mühe mit der Review zu diesem ganz besonderen Werk gegeben hat, also schaut doch einfach mal rein! ;)


Coverabbildungen: Schreiber & Leser
♥ Titel: Gipfel der Götter
♥ OT: Kamigami no Itadaki
♥ Mangaka: Jiro Taniguchi

♥ Original Story: Baku Yumemakura
♥ Verlag: Schreiber & Leser
♥ Preis: je 16,95€
♥ Seiten: je 300+
♥ Bände: 5 (abgeschlossen)
♥ Erscheinungsjahr: 2007-2008 (D)
♥ Genres: Biographie, Abenteuer, Drama
 


Das Himalaya-Gebirgsmassiv ist wahrhaftig der Weg zu den Göttern. Sehr, sehr viele Faktoren müssen zusammen- kommen, damit eine Besteigung überhaupt möglich, geschweige denn erfolgreich ist. Die eigene Kondition muss stimmen, das Wetter muss stimmen, die Unterstützung der Mitmenschen muss stimmen, die politische Lage in Nepal muss stimmen. Und eine gehörige Portion Glück muss man haben. Kommt alles zusammen, kann man wirklich vom Segen der Götter sprechen und nur die allerwenigsten können den Segen auch behalten. Denn der Himalaya ist der höchste und damit der extremste Gebirgszug der Welt.

Nicht nur die Kälte macht einem zu schaffen, sondern auch die immer dünner werdende Atmosphäre. Die Gipfel der Himalaya-Berge liegen auf einer Höhe, auf der der menschliche Körper rein biologisch einfach nicht mehr funktioniert. Es wirkt nicht falsch, wenn man sagt, der Aufstieg komme einer Opfergabe gleich. Man opfert sich selbst den Göttern. Die Menschen, die so etwas wagen, kann man keine Sportler mehr nennen, sie sind regelrechte Fanatiker. Müssen sie auch sein.

Im Himalaya gibt es viele hohe Berge, aber die größte Faszination üben zwei ganz bestimmte aus: der am schwierigsten zu besteigende, der K2, und der höchste, der Everest. Und dieser spielt in Jiro Taniguchis Gipfel der Götter eine zentrale Rolle.

Auf diesem Berg haben viele Menschen ihr Leben gelassen, so auch zwei Japaner, die an einer Expedition teilgenommen haben, bei der der Protagonist Makoto Fukamachi als Fotograf anwesend war. Verbittert darüber bleibt er in Katmandu zurück und macht dort eine Entdeckung: er stößt auf die Kamera von George Mallory, dem Erstbesteiger des Everest. Mallory ist 1924 zusammen mit seinem Partner Andrew Irvine auf dem Everest verschollen und während schnell klar geworden ist, dass sie bei einer Naturkatastrophe ums Leben kamen, ist es nach wie vor nicht sicher geklärt, ob sie den Gipfel erreicht haben. Fukamachi vermutet in der Kamera den entscheidenden Beweis und forscht weiter. Dabei stößt er auf den in Japan schon beinahe vergessenen (fiktiven) Bergsteiger Yoshi Habu, der die Kamera gefunden haben will. Habu ist in Fukamachis Augen mindestens so faszinierend und rätselhaft wie Mallorys Kamera, und so versucht Fukamachi, Habu näher zu kommen und setzt damit Ereignisse in Gang, die ihm, Habu und anderen vieles abverlangen.




Soweit zum Inhalt, der auf den Inhaltsbeschreibungen natürlich immer interessant und spannend klingt. Ist er das aber auch? Definitiv.

Taniguchi arbeitet nämlich öfter mal nicht allein an seinen Werken, sondern zusammen mit Szenaristen, also Menschen, die mit ihm Ideen auswerten und letztendlich die Story zusammenbauen. Samt professioneller Schriftsteller. Und nicht immer sind es seine Storys – Gipfel der Götter und Wie Hungrige Wölfe sind Romane, die von Taniguchi lediglich zu einem Manga adaptiert wurden. Natürlich in Zusammenarbeit mit dem Autor – und diese merkt man Gipfel der Götter an. Schnitte wurden gekonnt gesetzt, Charaktere bekommen den nötigen Raum zur Entfaltung und die Story existiert auch nicht im Vakuum, sprich, auch der Schauplatz wird sowohl grafisch als auch textlich ausgefüllt. Soll heißen, man stellt nie in Frage, dass das der Himalaya ist, man stellt nie in Frage, wieso die Menschen dort so handeln wie sie handeln und wieso sie so leben wie sie leben.

Die Geschichte selbst schlägt dabei unterschiedliche Richtungen ein. Mal ist sie eine Biografie, mal ein Abenteuer, mal eine Art Krimi. Aber im Großen und Ganzen bleibt sie konsequent beim Bergsteigen, und dem schriftstellerischen Aufwand des Autors ist es zu verdanken, dass die Geschichte nicht bloß „Juchhe, klettern!“ ist. Bergsteigen ist eine sehr, sehr aufwändige Angelegenheit, bei der viele Dinge zusammenkommen und stimmen müssen. Wie eingangs erwähnt fängt das beim Wetter und bei der Ausrüstung an – und hört bei der Kondition und der psychischen Stärke des Bergsteigers nicht auf. Die Leistung des Einzelnen verdankt man außerdem der gemeinsamen Leistung vieler. Gipfel der Götter macht uns das alles eindrucksvoll klar.




So viele Loblieder die Story bzw. deren Präsentation auch verdient hat – ihre Schwächen merkt man ihr auch an. Die meisten mögen von den zahlreichen Beschränkungen des Mediums Manga rühren (so ist es z. B. schon etwas fragwürdig, warum die Geschichte der Gurkha und die prekäre politische Lage in der Region überhaupt angeschnitten werden, wenn das erste einfach nur eine kleine Geschichtslektion bleibt und das zweite reduziert wird auf „Flüchtlinge greifen zu unlauteren Mitteln“ – aber wenn man bedenkt, dass der Manga kapitelweise mit einer festgelegten Seitenzahl veröffentlicht wurde, dann kann man das nachvollziehen, zumal beides dafür sorgt, dass das Bild des Landes Nepal noch ein wenig klarer und detaillierter wird), aber für den eigentlichen Schwachpunkt mache ich persönlich den Autor verantwortlich. Und das ist der Hauptcharakter.

Lange Zeit ist er der zugänglichste Charakter der Serie: ein Durchschnittsmensch, wenn auch überdurchschnittlich fit, dem nicht alles auf Anhieb gelingt, dessen Emotionen glaubwürdig und nachvollziehbar sind und der einfach überfordert ist, wenn ihm alles über den Kopf wächst. Er gesteht sich seine Schwächen ein, weiß, wann es Zeit wird, aufzugeben und KANN das auch. Und ganz wichtig: er weiß, dass er manche Dinge EINFACH NICHT SCHAFFT.

Und auf einmal schafft er sie doch! Genau die Dinge, die jenseits seiner Kräfte und Möglichkeiten lagen. Dinge, die anderen Menschen zehn Jahre lang die allergrößten Opfer abverlangt haben, erfordern bei ihm auf einmal nur zehn Monate Jogging und ein paar Klettertouren. Das sieht stark nach unverdienter Belohnung aus und hinterlässt einen trüben Nachgeschmack, den selbst Taniguchis atemberaubendste Zeichnungen nicht vertreiben können.

Die sind übrigens wirklich sehr eindrucksvoll. Taniguchi ist sowieso jemand, der sich viel Zeit lässt, die Umgebung und die Hintergründe darzustellen und der Personen dafür bewusst eher vernachlässigt. Hier sind verschneite Gebirgsmassive der Schauplatz, das heißt, hier kann er sich nach Lust und Laune austoben - was er auch tut.

Auch wenn man den meisten Großbildern anmerkt, dass da Fotos abgezeichnet wurden, die Leistung, die da drinsteckt, ist enorm. Die vielen, vielen, oft feinen Details sind alle mit Feder und Tusche handgezeichnet, Rasterfolien verwendet Taniguchi selten und eher sparsam. Die Panelgestaltung ist nach wie vor „westlich“, mit klar gezeichneten Panelgrenzen und stets rechtecktig, nur bei seitenfüllenden Großbildern verschwinden die Panelgrenzen. Auch die Gesichter sind europäisch, was auf mich persönlich am Anfang eines jeden Taniguchis stets befremdlich wirkt – aber man gewöhnt sich dran, zumal Taniguchi in seinen für Japan ausgelegten Werken die Japaner auch mit asiatischen Gesichtszügen darstellt. Wenn es etwas bei den Zeichnungen zu bemängeln gibt, dann, dass sie oft zu statisch sind. Zu schnappschussartig. Wodurch man oft genug nur durch den Text mitbekommt, was passiert.


~ Fazit ~

Alles in allem ist Gipfel der Götter dann aber doch ein gelungenes, solides – und auch gutes Werk. Natürlich nicht perfekt und auch vom Zeichner selbst gibt es bessere, aber faszinieren und nicht loslassen, das kann es. Nur muss – als Parallele zum Bergsteigen – leider auch die Leserschaft stimmen. Dieser Manga, wie auch die allermeisten anderen Taniguchis, ist nichts, was junge Menschen bevorzugt lesen würden. Zu nah an der Realität sind sie, zu gemächlich, kontemplativ statt actionreich, ernst statt absurd. Und für die deutschen Leser wohl auch nicht japanisch genug. Hier gibt es kein "kawaii" und keine großen Kulleraugen, hier gibt es Nasen, markante Gesichtszüge und breiten Körperbau. Und viel Natur.

Wer sich trotzdem darauf einlässt, der wird belohnt. Und das verdient.



~ Bewertung: 3,5/5 ~







~ Weitere Werke von Jiro Taniguchi ~
Bilder: Carlsen Graphic Novel







 Vielen Dank an Baphomehmet für seine tolle Rezension!

1 Kommentar:

  1. Huhu Baphomehmet,
    ich freue mich, dass du hier eine Gastrezension verfasst hast. Vielleicht wird sich der Gedanke mit einem eigenen Blog ja doch noch im Laufe der Zeit festigen ;o)
    Leider ist die Thematik nicht so ganz meins. Weder kann ich mich fürs Bergsteigen noch für Erfahrungsberichte begeistern. Dennoch hast du mich neugierig gemacht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man beim Bergsteigen an seine Grenzen gelangt und dass hier genug Spielraum für einen spannenden Handlungsstrang gegeben ist.
    Sehr schöne Rezension.
    Liebe Grüße Tanja :o)

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