Sonntag, 20. Mai 2018

[Rezension] Unter schwarzen Federn | Sabrina Schuh ;





♥ Reihe: Einzelband
♥ Autor|in: Sabrina Schuh
♥ Verlag: Selfpublisher / Märchenspinnerei
♥ Preis: 9,99€ (TB), 2,99€ (eBook)
♥ Seiten: 312
♥ Erschienen: Februar 2018
♥ Genres: Contemporary, Märchenadaption


Cover: Marie Graßhoff/ Märchenspinnerei
Werbung durch Rezensionsexemplar



Vor meinem inneren Auge tanzten Erinnerungsfetzen und vermischten sich mit der Realität. Ich durfte das nicht noch einmal zulassen.
Es durfte nicht wieder passieren.
~ S. 16 ~



Fees Leben ist die Hölle. Auch der Wechsel an die neue Schule bringt keine neuen Chancen, sondern nur Psychoterror und Ausgrenzung. Eines Tages spitzen sich die Dinge so zu, dass Fee nur noch einen Ausweg sieht; und der ist endgültig. Statt sie jedoch von ihrem Leben zu erlösen, bringt der von Markus vereitelte Selbstmordversuch sie in die Therapie. Wird sie es mit seiner Hilfe schaffen, ihren Lebensmut wiederzufinden oder wurde sie bereits zu tief verletzt?

In "Unter schwarzen Federn" spinnt Autorin Sabrina Schuh mit den Elementen von Andersens hässlichem Entlein eine düster-romantische Geschichte über Ausgrenzung, Todeswünsche und den schweren Weg eines jungen Mädchens, auf der Suche nach ihrem wahren Selbst.

Text: Märchenspinnerei


Das Cover ist sehr ausdrucksstark und optisch ein absoluter Traum. Die Protagonistin Fee sitzt am Flussufer, hinter ihr die Brücke, die einen unmittelbaren Wendepunt in ihrem Leben markiert. Dazu wirkt die gesamte Szenerie sehr düster, einsam und passt damit perfekt zum Inhalt des Buches. Im Englischen nennt man es auch "feeling blue", wenn man sich deprimiert fühlt, was mit den kräftigen Blautönen sehr schön eingefangen wird. Der Schwan am unteren Bildrand steht symbolisch für das Märchen, auf dem die Geschichte basiert, sowie für die Entwicklung, die Fee durchmacht. Vereinzelt schwirren schwarze Federn umher, die Bezug auf den Buchtitel nehmen. Dieser wird in seiner verschlungenen Schriftart sehr elegant in Szene gesetzt. Besonders gelungen finde ich auch die innere Gestaltung: Hübsche Illustrationen zieren jeden Kapitelanfang und auf jeder zweiten Seite ist die Silhouette eines Vogels abgebildet. Am Anfang handelt es sich um eine Ente, die sich jedoch im Laufe des Buches immer mehr verändert und schließlich zu einem majestätischen Schwan wird - eine sehr schöne und fantasievolle Idee.


Sabrina Schuhs Roman Unter schwarzen Federn ist keine einfache Lektüre für zwischendurch. Zwar orientiert sie sich an einem Märchen Hans Christian Andersens, doch handelt es sich um eine sehr düstere, wenig märchenhafte Variante. Aufwühlend, erschütternd und realitätsnah schildert sie die Geschichte der 17-jährigen Felicitas, genannt Fee, die in der Schule gemobbt wird und unter schweren Depressionen leidet. Am Anfang der Geschichte befindet sie sich am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens und möchte sich von einer Brücke stürzen. Ihr Mitschüler Markus kann das Unglück jedoch im letzten Augenblick abwenden und steht ihr von da an auf ihrem Weg zur Seite. Wie es im Kopf eines Menschen aussieht, der unter Depressionen leidet und was in einer Psychiatrie wirklich vor sich geht, wird hier auf sehr eindrückliche Weise erzählt. Es ist einerseits Fees Geschichte, die ihrer Krankheit nach und nach die Stirn bietet und anfängt über ihre Probleme zu sprechen. Es ist aber auch Markus' Geschichte, dem die Notwendigkeit bewusst wird, aktiv gegen Mobbing vorzugehen und den Menschen in seinem Umfeld zu helfen.

Die schwierige Thematik verbindet sich mit Andersens Geschichte des hässlichen Entleins, das von allen gemieden und verspottet wird und später zu einem schönen Schwan heranwächst. Fees "Verwandlung" geschieht jedoch nicht über Nacht, denn sie wird nicht plötzlich auf wundersame Weise von ihrer Krankheit geheilt. Wir begleiten sie auf ihrem Weg in der Psychiatrie, mit all ihren Fortschritten und Rückfällen, wie sie langsam Vertrauen zu Markus fasst, beginnt von ihren Problemen zu erzählen und damit konfrontiert wird. Für Fee ist es erst der Anfang einer langen Entwicklung, die selbst noch über das Ende des Buches hinausgehen wird. Diese Geschichte lässt nicht die Illusion entstehen, dass sich Depressionen und andere psychische Erkrankungen innerhalb weniger Wochen bekämpfen lassen. Viel mehr hat die Autorin ein sehr realistisches Szenario geschaffen, das nicht nur Hoffnung spenden, sondern auch Augen öffnen soll. Fees Geschichte zeigt, dass sensible Themen wie Mobbing, Depressionen und Suizid nicht totgeschwiegen und tabuisiert werden sollten - dass Probleme angesprochen werden müssen, bevor es womöglich zu spät ist.

Außerdem bahnt sich nach und nach eine Liebesgeschichte zwischen Markus und Fee an, die aber nie allzu stark in den Vordergrund tritt. Ich finde es sehr schön dargestellt, wie aus Vertrauen Freundschaft wächst und schließlich in Liebe umschlägt. Manchmal bedarf es nur einer Begenung oder einem einzigen Gespräch, um ein komplettes Leben von grundauf zu ändern. Mir ist dieses Buch sehr nahegegangen, es hat mir Tränen in die Augen getrieben. Da ich ein großer Fan von Linkin Park bin, hat mir am Ende auch der Tribut an Chester Bennington und seine Musik sehr gefallen.


Fee ist ein eher stilles, aber aufgewecktes Mädchen, das am liebsten schwarze Kleidung trägt. In der Schule ist sie sehr einsam, denn sie hat keine Freunde und leidet unter dem Mobbing durch ihre Mitschüler. Durch ihre Depressionen hat Fee jegliche Freude verloren, doch findet sie durch Markus und die ärztliche Behandlung nach und nach ins Leben zurück. Sie tat mir so richtig leid, denn eigentlich ist sie ein herzensgutes Mädchen und wurde mir im Laufe der Geschichte immer sympathischer. Markus dagegen gehört als Schulsprecher zu den Beliebten und ist Frontsänger einer Metalband. Auf den ersten Blick wirkt er unbekümmert und glücklich, doch auch er hat eine Menge durchgemacht. Durch Fee lernt er, endlich mit seiner Vergangenheit abzuschließen und sich für Andere einzusetzen. Zwar trifft er nicht immer die besten Entscheidungen, doch das macht ihn nur menschlicher. Bei allem, was er tut, treibt ihn stets Fees Wohlergehen an - im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Zu dieser hat Fee ein sehr schlechtes, geradezu toxisches Verhältnis, denn sie zeigt keinerlei Verständnis für die Probleme ihrer Tochter. Ihre Mutter verschließt die Augen vor der Wahrheit und tut Fees Probleme als hormonelle Schwankungen eines Teenagers ab. Den Schein zu wahren und nach außen hin eine perfekte Familie zu präsentieren ist ihr wichtiger als ihrer Tochter Hilfe zu leisten. Wirklich gelöst wird dieser Konflikt nicht, was ich ein bisschen schade, aber nicht allzu schlimm finde, weil es für manche Probleme einfach mehr Zeit bedarf. Es gibt außerdem noch eine Reihe an Nebencharakteren, z.B. die Mitarbeiter und Ärzte der Psychiatrie, Markus' Bandkollegen und seine Exfreundin Theresa, die aber alle nicht oft zu Wort kommen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Markus' und Fees Sicht erzählt, wodurch wir einen umfassenden Einblick in alle Geschehnisse bekommen. Dank der schnellen Perspektivwechsel und kurzen Kapitel fliegt man nur so durch die Seiten. Ich bin ein großer Fan davon, da man dadurch schnell dazu verleitet wird, ein weiteres Kapitel zu lesen - und dann noch eins. In diesem Falle funktioniert das sehr gut, denn ich habe das Buch an nur zwei Abenden durchgesuchtet. Ein weiterer Grund dafür ist der lockere Schreibstil, der trotz der schwierigen Thematik eine gewisse Leichtigkeit hineinbringt. Sabrina Schuh schafft es, die Gefühlswelt der Protagonisten mit wenigen Worten einzufangen und sie auf sehr einfühlsame Weise zu beschreiben. Lediglich die Dialoge schienen mir an einigen Stellen zu aufgesetzt, denn gerade die Aussagen von Fees Mutter kamen mir häufig überspitzt vor. Zwischendurch halten die Charaktere auch eher einen längeren Monolog als wirklich miteinander zu kommunizieren. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass es sich um den ersten Roman der Autorin handelt, der noch dazu im Selfpublishing herausgebracht wurde.


Unter schwarzen Federn ist ein sehr tiefgründiger Debütroman, der ein schwieriges Thema ungeschönt  behandelt und auf interessante Weise mit einem Märchen verbindet. Gerne hätten es noch 100 Seiten mehr sein können. Fees Geschichte geht unter die Haut und vermittelt eine wichtige Aussage: Dass wir über unsere Probleme sprechen und sie nicht totschweigen sollten. Ich empfehle dieses Buch allen, die bereits Erfahrungen mit Depressionen und Mobbing gemacht haben oder diese Themen besser verstehen möchten. Falls man sich allerdings gerade in einer akut schwierigen Phase befindet, sollte man dieses Buch vielleicht nicht lesen - es besteht Triggergefahr durch explizite Beschreibungen.






 Ein Dankeschön für die freundliche Bereitstellung eines Vorabexemplars im Rahmen der Blogtour geht an Sabrina Schuh und:




-> Blogtour-Beitrag: Totschweigen leichtgemacht



 Weitere Meinungen:




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Kommentare:

  1. Hallo Lena,
    das Buch klingt richtig gut. Es macht ein bisschen den Eindruck als würde es ein bisschen in die Rchtung von "Tote Mädchen lügen nicht" gehen. Die Art und Weise wie dort über das Thema Mobbing gesprochen wurde fand ich auch sehr interessant und hat mich auch sehr zum nachdenken angeregt.
    Gerade das Thema Depression taucht heutzutage immer mehr auf und ich glaube, dass nicht jeder Verständnis dafür hat. Das Buch wandert auf jeden Fall schon mal auf meine WuLi, wo es wahrscheinlich auch nicht lange bleiben wird.

    Liebe Grüße
    Sarah ♥

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    1. Hey Sarah,

      die Message geht es auf jeden Fall Richtung "Tote Mädchen lügen nicht", nur der Storyverlauf ist ein komplett anderer. Ein ruhiger Roman ohne Krimi- oder Thrillerelemente. Hast du schon meinen Blogtourbeitrag zum Buch gelesen? Er ist sehr persönlich, aber dort gehe ich nochmal näher auf das Thema Tabuisierung ein, in Verbindung mit "Tote Mädchen..." :)

      Liebe Grüße
      Lena ♥♥♥

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    2. Hallo Lena,
      noch nicht, aber ich schaue im Anschluss direkt mal vorbei. :)

      Ich finde es auf jeden Fall sehr gut, dass ernstere auch unschöne Themen in Büchern immer mehr thematisiert werden. Meiner Meinung nach könnten da gerne einige Bücher auch zu Pflichtlektüren in Schulen werden, um die Jugend mal zum nachdenken anzuregen. Auch wenn es vielleicht mit dem ein oder anderem Buch etwas schwierig sein wird, da der Inhalt einem vielleicht zu nah gehen könnte.

      Liebe Grüße
      Sarah ♥

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    3. Bin da ganz deiner Meinung. An einigen Schulen wird "Tote Mädchen lügen nicht" bereits als Schullektüre gelesen und ich finde das gut, solange die Themen ausführlich behandelt und die Jugendlichen damit nicht alleingelassen werden. Gibt es noch ein Buch, das du gerne als Schullektüre sehen würdest? :)

      Liebe Grüße
      Lena ♥♥♥

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